Mit und über Heldinnen des Alltags diskutiert

Nicole Bauer, MdB und Ruth Müller, MdL im Austausch zum Internationalen Frauentag
Teilen

Nicole Bauer, MdB und Ruth Müller, MdL im Austausch zum Internationalen Frauentag

Die Corona-Pandemie hat unsere Lebenswirklichkeit auf den Kopf gestellt und viele Bereiche in den digitalen Raum verlegt. Auch die traditionelle Frauenveranstaltung der frauenpolitischen Sprecherin der BayernSPD-Landtagsfraktion, Ruth Müller, ist in diesem Jahr über Facebook zum Publikum nachhause gestreamt worden. Gemeinsam mit der FDP-Bundestagsabgeordneten und ebenfalls frauenpolitischen Sprecherin ihrer Fraktion, Nicole Bauer, haben sich die beiden Politikerinnen mit drei Frauen aus den Bereichen Unternehmensführung, Schule und Seelsorge ausgetauscht.

Nach einer Vorstellungsrunde informierten Ruth Müller und Nicole Bauer ihr Publikum zunächst über historische Meilensteine, was Frauenrechte betrifft. So konnten Frauen seit 1962 ein eigenes Konto führen, als verheiratete Frau wurde man erst 1969 für geschäftsfähig erklärt. Auch heute, gerade angesichts der Pandemie rückt die Gleichstellungsfrage wieder in den Fokus zahlreicher Diskussionen. Vor allem in Familien mit Kindern sind es hauptsächlich die Frauen, die die Herausforderung meistern müssen, Berufstätigkeit, ob im Homeoffice oder in Präsenz, mit Kinderbetreuung und Homeschooling zu vereinbaren. Meist sind es hier auch die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Laut einer aktuellen Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten Frauen vor Corona rund fünf Stunden weniger pro Woche als Männer, im letzten Herbst betrug die Differenz sechs Stunden und wenn betreuungsbedürftige Kinder im Spiel waren, lag der Unterschied sogar bei elf Stunden. „Hier scheint es, als hätten wir durch die Corona-Pandemie wieder eine Rolle rückwärts gemacht“, so Ruth Müller. Zwar sei die Frau seit der Familienrechtsreform 1977 nicht mehr gesetzlich zur Haushaltsführung verpflichtet, jedoch, so scheint es, sei dies aus gesellschaftlicher Sicht nach wie vor nicht gänzlich etabliert.

Es herrscht bei den Gesprächsteilnehmerinnen großer Konsens, dass sich der aktuelle Gender Pay Gap von 21 Prozent nach wie vor auch stark aus der Tatsache bedingt, dass gerade Frauen dazu neigen, soziale Berufe zu wählen. Aus dem Bereich Schule berichtet Ursula Schwoerer, Fachlehrerin für Englisch und Französisch am Maristen-Gymnasium in Furth, von der immensen Wirkung, die Vorbilder auf Schülerinnen haben. Zwar verfolgten die Mädchen beispielsweise die Ernennung von Kamala Harris zur Vizepräsidentin der USA mit großem Interesse und auch die Schulleitung lebt die Gleichstellung der Geschlechter vor, indem sie qualifizierte weibliche Lehrkräfte in die Erweiterte Schulleitung befördert und Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ergreift. Jedoch habe sie in persönlichen Gesprächen noch nie einen Schüler sagen hören, er möchte später einen sozialen Beruf in Teilzeit ergreifen, um sich besser um Familie und Haushalt kümmern zu können. Bei Mädchen dagegen sei diese Haltung nach wie vor bedeutend ausgeprägter vorhanden.

Auch Dekanin Dr. Nina Lubomierski bestätigt, dass es man vorgelebte Rollen nur schwer abschütteln könne, auch sie habe ja letztlich als Pfarrerin einen sozialen Beruf ergriffen. Durch ihre Erfahrung als Altenheim-Seelsorgerin kann sie zudem von der großen Belastung berichten, die Frauen als Pflegekräfte vor allem angesichts der Pandemie aushalten müssen. Vor allem Pflegekräfte mit schulpflichtigen Kindern seien in der Pandemie einer Zerreißprobe ausgesetzt, da sie einerseits die Personalknappheit in der Pflege, die durch Corona noch verschärft wird, auszugleichen versuchen, andererseits sich auch um das Homeschooling und Wohlergehen der Kinder in diesen schwierigen Zeiten kümmern wollen und müssen.

Andrea Loder, Geschäftsführerin der LWS Security dagegen kann im Bereich der freien Wirtschaft Fakten aus ihrem eigenen Unternehmen nennen. Sie leitet ein Sicherheitsunternehmen mit 400 Mitarbeitern, der Frauenanteil dabei liege bei 35 Prozent. „Drei von unseren fünf Einsatzleitern sind Frauen“, erzählt sie und betont dabei, dass sich – trotz einiger Abstriche – in den letzten Jahren dennoch bereits viel für Frauen geändert habe und man heutzutage als Frau zumindest theoretisch jeden Beruf ergreifen könne. Lediglich im Bereich Ausbildung zur Sicherheitsfachkraft würde sie sich über mehr weibliche Bewerber freuen.

Den Grund für die grundsätzlich schlechtere Bezahlung sozialer Berufe sieht Ruth Müller in deren traditionellem Hintergrund. Früher übten Frauen Aufgaben im Bereich Pflege oder Kinderbetreuung zuhause oder für lediglich geringfügige Entlohnung aus, da sie als Hausfrauen nicht darauf angewiesen waren, davon zu leben zu müssen. Der Ernährer war schließlich traditionell der Mann. „Und auch heute noch werden unterschiedliche Maßstäbe bei der Erwartung an die Ausbildung von Mann und Frau angesetzt“, so die frauenpolitische Sprecherin. „Hinzu kommt, dass es gerade im Bereich Pflege keine tarifgebundene Bezahlung gibt und die Stellen häufig in Teilzeit besetzt werden“, ergänzt Nicole Bauer den Ursprung der niedrigeren Entlohnung sozialer Berufe. „Es geht nicht um ein Gegeneinander, Männer sollten sich für Frauen einsetzen und auch andersherum. So können wir unsere Gesellschaft gemeinsam gestalten und wirklich stärken“ schließt die Frauenpolitikerin der FDP im Bundestag die interaktive Veranstaltung zum Internationalen Frauentag.

Beiträge